Kulturerbe lebt im Handwerk

Matthias Forßbohm ist Präsident der Handwerkskammer zu Leipzig – und Restaurator im Maurerhandwerk. Ein Gespräch über Familiengeschichte, verlorenes Wissen und den langen Weg zurück zu einer Fortbildung, die mehr ist als ein Kursangebot.

Es gibt Momente, in denen Geschichte sehr persönlich wird. Für Matthias Forßbohm gehört das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig dazu. Sein Ur-Großvater hat dort gearbeitet, und Jahrzehnte später war er selbst an der Sanierung beteiligt. „Im Alltag ist das nicht ständig präsent“, sagt er. „Aber manchmal merkt man: Das ist nicht nur ein Bauwerk. Das hat auch mit der eigenen Familie zu tun.“

sachsen-denkmal.de: Herr Forßbohm, war das der Punkt, an dem Handwerk für Sie mehr wurde als ein Beruf?
Matthias Forßbohm: Ich glaube, das hat sich entwickelt. Am Anfang steht das Handwerk ganz praktisch. Irgendwann merkt man, dass man an Bauwerken arbeitet, die weit über die eigene Berufszeit hinaus bestehen. Das verändert den Blick.

„Denkmalpflege funktioniert nicht über einzelne Projekte. Es geht um Wissen, das über Generationen entstanden ist – und das nur erhalten bleibt, wenn es weitergegeben wird.“

sachsen-denkmal.de: In Sachsen ist nach längerer Pause wieder eine Fortbildung zum Restaurator im Handwerk entstanden. Wie groß war der Aufwand, so etwas neu aufzubauen?
Matthias Forßbohm: Das war ein großer Kraftakt. Nach rund zehn Jahren ohne Angebot musste die Fortbildung grundlegend neu aufgebaut werden: Inhalte, Strukturen, Partner und Praxisbezug. Das entsteht nicht von selbst.

sachsen-denkmal.de: Wer war an diesem Aufbau beteiligt?
Matthias Forßbohm: Eine Vielzahl von Akteuren: die sächsischen Handwerkskammern, das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, das Denkmalnetz Sachsen, zahlreiche Betriebe aus dem Handwerk und viele Fachleute aus der Praxis.
Entscheidend waren auch die Dozenten und Prüfer, die ihr Wissen wieder in eine vermittelbare Form gebracht haben. Eine solche Fortbildung lebt vom Zusammenspiel aller Beteiligten.

sachsen-denkmal.de: Was hat dieser Aufbauprozess gezeigt?
Matthias Forßbohm: Dass es ohne ein starkes Netzwerk nicht geht. Kein einzelner Akteur hätte das allein leisten können. Es braucht die Verbindung aus Praxis, Fachwissen und Organisation – und die Bereitschaft, gemeinsam etwas neu aufzubauen.

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Restaurator im Handwerk in Sachsen


Abschluss: Master Professional Restaurator im Handwerk
Trägerschaft: Handwerkskammern Chemnitz und zu Leipzig mit Partnern der Denkmalpflege
Förderprojekt: Neuaufbau im Projekt des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen und des SMIL (2023–2026)
Gewerke: Maurer- und Betonbauer, Zimmerer, Tischler, Maler und Lackierer, Stuckateure und Metallbauer
➔ Finanzierung: Bis zu 75 % Förderung über Aufstiegs-BAföG& ergänzende Stipendien
Aktuell: Bereits der dritte Kurs startet im September 2026
Ausblick: Weiterbildung „Fachhandwerker für Denkmalpflege“ für Gesellen ab 2027

sachsen-denkmal.de: Heute ist die Fortbildung wieder gestartet – mit weiteren Kursen in Vorbereitung. Was bedeutet diese Entwicklung?
Matthias Forßbohm: Dass es gelungen ist, wieder Kontinuität herzustellen. 2025 konnte der erste Kurs starten, und im September 2026 soll bereits der dritte folgen. Das zeigt: Das Format wird angenommen und stabilisiert sich.

sachsen-denkmal.de: Warum war es wichtig, diese Inhalte wieder in einer strukturierten Fortbildung zu verankern?
Matthias Forßbohm: Weil Denkmalpflege nicht über einzelne Projekte funktioniert. Es geht um Wissen, das über Generationen entstanden ist – und das nur erhalten bleibt, wenn es weitergegeben wird.
Dieses Wissen steckt nicht nur in großen Bauwerken wie Kathedralen oder Schlössern, sondern auch in regionalen Bauweisen, im ländlichen Raum und in vielen traditionellen Handwerkstechniken. Wenn man es bewahren will, braucht es Formate, die genau das leisten.

sachsen-denkmal.de: In der handwerklichen Ausbildung wird vor allem das vermittelt, was heute auf Baustellen gebraucht wird. Warum reicht das nicht aus?
Matthias Forßbohm: Das ist nachvollziehbar und auch notwendig. Die klassische Ausbildung konzentriert sich auf moderne Materialien, aktuelle Verfahren und Normen.
Die Fortbildung ergänzt eine zweite Perspektive: Wie wurde früher gebaut? Welche Lösungen haben sich über lange Zeit bewährt? Und was bedeutet das für den Umgang mit bestehender Bausubstanz heute?

sachsen-denkmal.de: Sachsen hat mit seiner Denkmallandschaft, der akademischen Restaurierung in Dresden und der handwerklichen Fortbildung eine besondere Ausgangslage. Was macht diesen Standort aus?Matthias Forßbohm: Es ist das bewusste Zusammenwirken der unterschiedlichen Bereiche. Akademische Restaurierung, Forschung, Baupraxis und Handwerk sind hier eng miteinander verbunden – und genau darin liegt die Stärke. Diese Nähe sorgt dafür, dass Wissen nicht nebeneinander steht, sondern im Austausch weiterentwickelt wird. Gleichzeitig ist spürbar, dass das auch politisch erkannt wird: als ein Bereich mit Entwicklungspotenzial, der gezielt gestärkt werden kann. Noch ist vieles im Aufbau, aber die Richtung ist klar.

„Irgendwann merkt man, dass man an Bauwerken arbeitet, die weit über die eigene Berufszeit hinaus bestehen. Das verändert den Blick.“

sachsen-denkmal.de: Neben der Fortbildung gibt es weitere Formate im sächsischen Denkmalhandwerk – gemeinsame Unternehmerreisen, den Denkmalpflegepreis, den Gemeinschaftsstand auf der denkmal Messe und nun auch einen Newsletter. Was ist die Idee dahinter?
Matthias Forßbohm: Es geht darum, sichtbar zu machen, was sonst oft im Hintergrund bleibt. Denkmalpflege ist kein einzelner Beruf und kein einzelnes Projekt. Sie besteht aus vielen unterschiedlichen Gewerken, Spezialisierungen und Betrieben. Diese Vielfalt soll stärker wahrgenommen werden. Sie reicht vom klassischen Bauhandwerk bis zu sehr spezialisierten Bereichen – oft kleine Betriebe oder Einzelunternehmen, etwa im Musikinstrumentenbau oder in traditionellen Techniken.
Diese Vielfalt wird leicht übersehen, wenn man nur auf große Bauprojekte schaut. Dabei steckt gerade dort ein enormes Wissen. Das spiegelt sich nicht zuletzt auch im Abschluss als „Master Professional“ für unsere neu belebte Restauratoren-Weiterbildung wider.

sachsen-denkmal.de: Zum Schluss: Wenn Sie auf die kommenden Jahre schauen – was wäre ein gutes Zeichen?
Matthias Forßbohm: Wenn es gelingt, dieses Wissen dauerhaft im Handwerk zu verankern – nicht als Sonderthema, sondern als selbstverständlicher Teil der Praxis.
Und wenn mehr junge Menschen erkennen, dass es hier nicht nur um Vergangenheit geht, sondern um die Zukunft des Bauens im Bestand. Genau dort liegt die eigentliche Aufgabe.

Das Interview führte Ron Claus für www.sachsen-denkmal.de.

Handwerkliches Kulturerbe bewahren.

Mit der Fortbildung zum Restaurator im Handwerk, dem Denkmalpflegepreis des sächsischen Handwerks, gemeinsamen Unternehmerreisen und neuen Informationsangeboten wächst in Sachsen ein starkes Netzwerk für die handwerkliche Denkmalpflege. Ziel ist es, historisches Wissen zu sichern, weiterzugeben und für kommende Generationen nutzbar zu machen.

Weiterführende Informationen

Porträtbild von Matthias Forßbohm

© Anika Dollmeyer

Pressekontakt


Ron Claus 
Handwerkskammer zu Leipzig

0341 2188-369
denkmal@hwk-leipzig.de